Ein Anstoß zum Handeln

Pedro Conceição zum Bericht über die menschliche Entwicklung

17. September 2026

Pedro Conceição, Direktor des Human Development Report Office, UNDP

Human Development Report Office

Human Development Report (HDR): Der Bericht über die menschliche Entwicklung ist einer der meistgelesenen Berichte der Vereinten Nationen und erfasst jährlich den Fortschritt von Ländern weltweit. Er orientiert sich dabei nicht nur an wirtschaftlichen Kennzahlen, sondern legt den Schwerpunkt auf das Wohlergehen der Menschen. Sein wichtigstes Instrument ist der Human Development Index, der Einkommen, Gesundheit und Bildung umfasst. Der Bericht betrachtet zudem Indikatoren wie Ungleichheiten und Armut multidimensional, also nicht nur anhand von Einkommen, sondern auch mit Blick auf Lebensbedingungen wie Zugang zu Strom, Wasser, sanitären Einrichtungen und Bildung.


Die Entwicklungsberichte der letzten Jahre zeigen, dass menschlicher Fortschritt stagniert. Müssen wir alarmiert sein?

Lange Zeit ging es beim Human Development Index – also mit dem menschlichen Fortschritt – stetig bergauf. Gleichzeitig wurde die Lücke der Ungleichheit zwischen den Ländern kleiner, indem ärmere Länder schneller Fortschritte machten als die besser gestellten Länder. Das ist im Kern das Ziel von Entwicklung. In den Jahren 2020 und 2021 bewegte sich der Index dann zum ersten Mal überhaupt in die entgegengesetzte Richtung. Weltweit wurden Gesundheit und Lebensstandard nicht mehr besser, der Zugang zu Bildung verschlechterte sich. Das hing stark mit der COVID-19-Pandemie zusammen. Bis heute sehen wir, dass das Tempo des Fortschritts sich stark verlangsamt hat, und auch die Kluft zwischen den Ländern geht wieder auseinander. Also ja, wir sollten besorgt sein. Vor allem aber sollte es ein Anstoß sein, zu handeln und verstärkt in Entwicklung zu investieren.

Wir befinden uns in einer neuen Weltordnung, hört man oft. Stimmen Sie dem zu?

Die Welt verändert sich ständig, sie bleibt nie statisch. 2020/2021 verschob sich aber merklich etwas, Vieles passierte überraschend: Die Pandemie, der Krieg in der Ukraine, neue technologische Umbrüche. Wir nennen es den „Komplex der Unsicherheit“ und identifizieren drei zentrale Treiber. Erstens politische Polarisierung, zweitens neue Technologien wie KI. Drittens bedrohen Klimawandel, Umweltzerstörung und der Verlust von Artenvielfalt den Erhalt unserer Lebensgrundlagen – das gab es in der Menschheitsgeschichte so noch nie. Jedem dieser Themen haben wir 2024-2026 einen Jahresbericht gewidmet. Gemeinsam ergeben sie eine Trilogie über den Stand dessen, was wir auf Englisch „Human Development“ nennen, also Fortschritt und Entwicklung für Menschen in unsicheren Zeiten. Ich denke übrigens nicht, dass wir nostalgisch zurückblicken sollten. Wir müssen akzeptieren, dass sich die Welt verändert, nach vorne schauen und uns darauf konzentrieren, was wir erreichen wollen.

Was hat politische Polarisierung mit Entwicklungszusammenarbeit zu tun?

Polarisierung erschwert die internationale Zusammenarbeit. In wohlhabenden Ländern wird es zunehmend schwer, sich beim Thema Entwicklungszusammenarbeit zu einigen. Auch zwischen Staaten führt Polarisierung zu mehr Spannungen und Unsicherheit. Das Paradoxe ist, dass gerade globale Krisen zeigen, wie wir voneinander abhängig sind. Probleme wie der Klimawandel lassen sich nicht durch nationale Grenzpolitik lösen. Trotzdem ziehen sich Gesellschaften zurück und setzen auf Abschottung.

Der Bericht 2025 beschäftigt sich mit künstlicher Intelligenz (KI). Kann KI zu menschlicher Entwicklung positiv beitragen?

KI kann Gesundheits- und Bildungssysteme unterstützen. Seit kurzem gibt es zum Beispiel eine KI-Anwendung, die Anämie allein durch ein Foto eines Fingernagels erkennt. Die Diagnose von Anämie ist normalerweise kompliziert, weil Blut entnommen, gelagert, ins Labor geschickt und getestet werden muss. In wohlhabenden Ländern ist das kein Problem, in ressourcenarmen Regionen schon. Ein einfaches Foto könnte das in Zukunft ersetzen. Aber wir müssen auch die Risiken im Blick behalten. Ein Beispiel wäre KI in sozialen Medien, die uns möglichst lange auf Plattformen hält. Im Bericht dokumentieren wir den starken Rückgang des psychischen Wohlbefindens junger Menschen, das könnte damit zusammenhängen. Die zentrale Botschaft des Berichts ist: Nicht die Technologie allein bestimmt Fortschritt. Ausschlaggebend sind die individuellen und gesellschaftlichen Entscheidungen, die wir als Menschen treffen.

Was bedeutet der Bericht 2026 für unseren Umgang mit Umweltkrisen?

Ein Großteil der bisherigen Botschaften über planetare Veränderungen lautet: „Wenn wir nicht handeln, werden all diese schlimmen Dinge passieren.“ Wir möchten in unserem Bericht prüfen, wie wir über planetare Veränderungen so sprechen können, dass nicht nur Angst ausgelöst wird. Wir nennen das „die Mobilisierung menschlicher Hoffnungen für eine bessere Welt und ein besseres Leben“.

Selbst wohlhabendere Länder wie Österreich sind momentan auf Sparkurs. Wie können wir da noch in Entwicklungszusammenarbeit investieren?

Es gibt reale Haushaltszwänge in wohlhabenden Ländern. Durch den demographischen Wandel müssen mehr Mittel für Gesundheit und Pflege bereitgestellt werden, während weniger Menschen zum Wirtschaftswachstum beitragen. Hinzu kommen steigende Sicherheitsausgaben. Aber wir müssen uns immer wieder daran erinnern: Die beste Verteidigung ist internationale Zusammenarbeit. Wenn wir nicht nur Symptome, sondern Ursachen von Unsicherheit bekämpfen wollen, müssen wir in Entwicklung investieren. Das ist keine Wohltätigkeit, sondern eine Investition ineinander – auch im Interesse der Österreicherinnen und Österreicher.

Das Interview führte Alena Wacenovsky mit Pedro Conceição, UNDP