„In turbulenten Zeiten ist internationale Kooperation ein Garant für Stabilität“

Fünf Fragen an Melanie Hauenstein, Direktorin des UNDP-Büros in Syrien

16. September 2026

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen ist in 170 Ländern und Regionen vertreten, mehr als jede andere UN-Organisation. Was genau macht UNDP vor Ort?

Das United Nations Development Programme (UNDP) arbeitet an einem sehr breiten Themenspektrum: Wir unterstützen Länder und Regionen dabei, Armut sowie Korruption zu bekämpfen. Wir fördern Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, etwa indem wir für Transparenz bei den Wahlen sorgen. Zudem tun wir viel dafür, den Klimawandel zu bremsen und Naturkatastrophen zu verhindern. So helfen wir Regierungen, Pläne zu erstellen, wie sie ihre Klimaziele erreichen, zu denen sie sich entsprechend internationalen Verträgen verpflichtet haben. Wir unterstützen auch bei der Umstellung auf erneuerbare Energien. Das ist nicht nur gut fürs Klima, sondern Grundvoraussetzung für Entwicklung: Schulen, Krankenhäuser und andere essenzielle Institutionen brauchen zuallererst Strom, damit sie funktionieren.

Wir leben in einer unsicheren Weltlage, geprägt von Machtpolitik, Kriegen und Naturkatastrophen. Wo ist da überhaupt noch Platz für Entwicklungszusammenarbeit?

Die Rezepte, die uns gestern noch globalen Fortschritt, Sicherheit und Frieden gebracht haben, reichen heute nicht mehr aus. Die Welt geht gerade durch tiefgreifende Veränderungen: Die Klimakrise befeuert Konflikte, Schulden verhindern Entwicklungsfortschritte, Ungleichheiten und geopolitische Spannungen gefährden Frieden und Stabilität. Das Sicherheitsgefühl schwindet und die weltweiten Rüstungs- und Militärausgaben befinden sich auf einem Rekordhoch. Aber Sicherheit bedeutet in der heutigen Welt mehr als Panzer und Raketen. Es geht jetzt auch um Zugang zu Bildung, Klimaschutz, Gesundheit und Wirtschaftswachstum. Dafür müssen wir über Grenzen hinweg zusammenarbeiten. In turbulenten Zeiten ist internationale Kooperation ein Garant für Stabilität.

Welche Rolle spielt UNDP dabei?

Wir retten nicht direkt Leben, sondern bewahren Lebensgrundlagen von Menschen. Das heißt, wir arbeiten schon während der Krise mit einem Entwicklungsansatz und bieten Menschen somit eine Perspektive für ein Leben nach der Krise. So schützen wir nach Möglichkeit die Wirtschaft vor dem Zusammenbruch, indem wir etwa Klein- und Kleinstunternehmen fördern und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen („Cash-for-Work“) auflegen. Nach Krieg und Zerstörung wiederum bauen wir die Infrastruktur mit auf und helfen dabei, die Grundversorgung und Basisdienstleistungen wieder zu gewährleisten. Wir haben als Erste die Ukraine dabei unterstützt, Turbinen zu beschaffen, damit die Stromversorgung wieder in Gang kommt. Jetzt arbeiten wir dort an dezentralen Energiesystemen, helfen aber auch, Korruption zu bekämpfen und Reformvorhaben zu unterstützen, die für den EU-Beitritt notwendig sind. Auch beim Wiederaufbau in Gaza spielt UNDP weit über humanitäre Hilfe hinaus eine bedeutende Rolle.

Beim Durchblättern dieser Broschüre sieht man, dass UNDP sehr viel Wert darauf legt, Frauen zu fördern. Warum?

Das UN-Entwicklungsprogramm ist mehr als 60 Jahre alt. In all der Zeit haben wir gelernt, dass es die Investitionen in Frauen sind, die den Wandel hin zu mehr Wohlstand und mehr Gerechtigkeit vorantreiben, in der Politik, der Gesellschaft und auch in der Wirtschaft. In 20 Jahren Arbeit vor Ort habe ich zudem gelernt: Um politische Beteiligung zu erreichen, müssen Frauen zuerst wirtschaftlich unabhängig sein.

Wie genau arbeiten Österreich und UNDP zusammen? 

Die Interessen von Österreich und dem UNDP überschneiden sich in vielen Punkten. Gemeinsam setzen wir uns für eine sichere, gerechtere und nachhaltigere Zukunft ein. Unter Federführung des Außenministeriums arbeiten wir mit dem Nationalrat, weiteren Ministerien und Behörden, wie der ADA, der Austrian Development Agency zusammen. Die Regierung in Wien unterstützt uns sowohl bei projektgebundener Arbeit als auch durch sogenannte Kernbeiträge, die es uns erlauben, projektungebunden zu arbeiten. Seit 2024 ist Österreich außerdem Beitragszahler für einen Fördertopf des UNDP-Hauptquartiers für Rechtsstaatlichkeit und unterstützt damit in verschiedenen Regionen der Welt demokratische und rechtsstaatliche Initiativen.

Was steht jetzt an großen Themen für Sie an?

Viele der Konflikte heute sind Verteilungskonflikte. Dabei ist so viel Geld in der Wirtschaft im Umlauf wie noch nie, aber dieses Geld ist extrem ungleich verteilt. Vor allem auf dem afrikanischen Kontinent stecken viele Länder in der Schuldenfalle, sodass sie nicht in Entwicklung investieren können. Da müssen wir raus. Außerdem müssen wir ganz besonders dorthin schauen, wo nach Jahren der Krise wieder Perspektiven entstehen. In Syrien bleibt die Situation nach dem Sturz Assads fragil, in einigen Regionen kommt es weiterhin zu Kämpfen und Menschenrechtsverletzungen. Dennoch kehren Millionen Geflüchtete in ihre Heimat zurück. Jetzt geht es um die Stärkung staatlicher Institutionen und um nachhaltige Stabilisierungsmaßnahmen, damit sie sich eine Zukunft aufbauen können. Das heißt zum Beispiel: UNDP unterstützt die Revitalisierung von Märkten, damit die Wirtschaft wieder in Gang kommt. Von mehr als 1.700 geförderten Privatunternehmen werden rund 250 von Frauen geführt. 680 Menschen mit Behinderung haben durch den Aufbau von Gesundheitszentren Zugang zu Hilfsmitteln wie Prothesen erhalten und 40 Schulen wurden wiederaufgebaut, damit Kinder wieder lernen können. Niemand soll zurückgelassen werden. 

Denn am Beispiel Syrien zeigt sich: Was in einzelnen Regionen passiert, hat Auswirkungen weit über Landesgrenzen hinaus. Ob Klimawandel, Pandemien, Migration oder Kriege, all das können wir nur gemeinsam lösen.

Das Interview führte Alena Wacenovsky mit Melanie Hauenstein, UNDP